Paul Klee in Gersthofen
 

Im Ersten Weltkrieg wurde Paul Klee im Alter von 35 Jahren als Rekrut zum Wehrdienst einberufen. Der Einsatz an der Front blieb ihm erspart, da das Bayerische Königshaus, nachdem mehrere Künstler gefallen waren, eine geheime Weisung erlassen hatte, Münchener Künstler zu "schonen". So kam Paul Klee im Januar 1917 an die neuerrichtete Fliegerschule nach Gersthofen, wo er bis Kriegsende Dienst tat.

Klee, der von der Welt bereits einiges gesehen hatte, der Berlin und Paris kannte und der auf seiner berühmten Tunisreise bis nach Nordafrika gekommen war, war von seinem Einsatzort zunächst alles andere als begeistert. Doch in zunehmendem Maße faszinierten ihn die Auenwälder zwischen Gersthofen und Langweid, bald nutzte er jede Gelegenheit, um im Freien zu malen.

Bei schlechter Witterung konnte Klee, der in einer Mannschaftsunterkunft schlief, nur in seiner Schublade malen. Doch im September 1918 ergaben sich neue Perspektiven, und schon einen Monat später war es so weit: er bekam sein eigenes Zimmer.


 
Paul Klee Stillleben
 

 

Im "Gedenkblatt an Gersthofen", dem einzigen Werk, welches einen direkten Bezug zu seiner damaligen Umgebung zeigt und das den Anfang einer Reihe perspektivischer Studien bildet, stellt Klee dieses Zimmer aus einer ungewöhnlichen Perspektive dar: ein Einblick von schräg oben in eine transparente Architektur, eine Art perspektivische Konstruktion. Klee selber liegt im Bett, mit der linken Hand zeichnend. Viele Details sind dargestellt, sein Schreibtisch mit Briefpapier und Briefumschlag, ein Waschtisch, ein Kohleofen, ein Eßtisch, mit Schemel, ein Schrank und anderes mehr. Es ist die einzige Zeichnung dieser Zeit, die Wirklichkeit abbildet. Die Art der Abbildung, besonders die der Raumdarstellung, wird später in Richtung Zentralperspektive konsequent fortgeführt, so im Bild "Zimmerperspektive mit Einwohnern".

An seine Familie schreibt er in dieser Zeit:

Meine geliebte Lily!
Für den Fall, daß ich am Samstag nicht kommen sollte, möchte ich Dich nicht ganz ohne Nachricht von mir lassen. Daß das nicht gerade lustig ist, weiß ich zum Beispiel heute am Donnerstag Abend wohl zu würdigen, denn ich habe bis jetzt überhaupt nichts von Euch erhalten. Doch denke ich, es werden zufällige Hinderungsgründe sein. Ich bin ganz wohl und gelassen. Habe jetzt Aussicht auf ein Schlafzimmer für mich allein, da die Kaserne bezogen wird. Ich muß als Kassenhüter nebenan wohnen. Das ist natürlich recht günstig für mich und meine Arbeit außer Dienst. Ich werde manches mit mehr Überblick schaffen können, als jetzt, wo alles sich in eine Schublade fügen muß. Und wie geht es Euch? Hoffentlich kommt bald gute Nachricht. Vermutlich seid Ihr nach Wiessee durchgebrannt?
Herzlichst, Dein Paul. Ohne Tabak!

Und später, als es mit dem Zimmer geklappt hat:

Für mich ist jetzt die Hauptsache, ein eigenes Zimmer zu haben. Keine Aufsicht, kein Lichtauslöschen, kein Wecken, nichts Militärisches mehr außer dem edlen Gewand. Mittags ist der Zahlmeister mit mir herin, und das ist eher nett als unangenehm. Wir haben ein Tischtuch, wenn auch kein sehr reines. Und wie viel Platz hab ich! Und was für einen schönen großen Schrank für mich allein. Daß ich mich in erster Linie auf' s Arbeiten einstelle, kannst Du Dir denken. Das prachtvolle electrische Licht von 100 Kerzen trägt das seinige dazu bei. Nun muß nur noch der Heilige Geist dazu kommen, dann ist es gut. Heut war er noch nicht da, drum schreib ich lieber ein paar Zeilen, dazu braucht man nicht so sehr erleuchtet zu sein.

Dazu entsteht die Zeichnung "Gedenkblatt an Gersthofen " (1918)

 
 
   
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