Speculatores Latini
Erfahrungen mit der Schlitzohrigkeit italienischer Schüler
(von Peter Krauß)

Ein nach Italien ausgewanderter Lehrer muss sich mit vielen neuen Dingen vertraut machen, u.a. mit der virtuosen Schlitzohrigkeit italienischer Schüler beim "spicken" (lat. speculari, it. copiare). Auffallende Unterschiede zwischen deutschen und italienischen Schülern haben den Lateinlehrer zu einer Dokumentation bewegt.

In beiden Ländern findet der Lehrer den:
1.1. gemeinen Spicker (speculator communis), der ohne vorherige Überlegung jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen versteht. Darum kann man ihn auch als den Gelegenheitsspicker (speculator occasione adductus) bezeichnen. Zu dieser Gruppe, die wie gesagt in beiden Ländern zu finden ist, zählt auch der Spätzünder (speculator ultimi momenti), der beim Einsammeln der
Arbeiten versucht, noch irgendwelche Erkenntnisse zu erhaschen.
Nur in Deutschland begegnete mir der
1.2. Stümper (speculator minimi ingenii oder schlicht speculator stultus), der sich ohne jede Vorsicht erwischen läßt, indem er beispielsweise das Blatt, von dem er abschreibt, offen auf den Tisch legt. Mit ihm verwandt, aber wesentlich geschickter ist der
1.3. Hasardeur (speculator audacissimus), der nichts mehr zu verlieren hat und deswegen selbst hohe Risiken in Kauf nimmt. Ihn findet man auch in Italien, weniger dagegen den
1.4. Hasenfuß (speculator timidus), der selbst bei hervorragenden Gelegenheiten zu zittern anfängt und vor dem Versuch so rot wird, dass es der aufsichtsführenden Person meist sofort auffällt und ihn diese ohne weitere Mühe auf den Pfad der Tugend zurückführen kann.
Die beiden Extreme stellen der
1.5. Meisterspicker (speculator professionalis) und das
1.6. Nervenbündel (speculator maxime confusus) dar.
Beide sind in den zu Extremen neigenden italienischen Volk naturgemäß häufiger anzutreffen als in Deutschland. Der Meisterspicker spickt gewissermaßen aus Berufung und ästhetischem Drang, wobei er sehr hohe Anforderungen an sich selbst stellt. Wird er erwischt - was selten vorkommt - sollte man ihn nicht zu laut und zu heftig zurechtweisen, um das hochsensible Genie nicht bloßzustellen und damit zu traumatisieren. Das Nervenbündel dagegen ist der "looser" der Spezies. Er stellt sich nicht dumm an wie der speculator stultus (cf. 1.2), sondern ungeschickt, und seine Nervosität spielt ihm Streiche. Wenn dann das unter der Bank versteckte Buch laut krachend auf den Boden fällt, wird der aufsichtsführende Lehrer eher Mitleid als Wut empfinden. Ein Sonderfall ist der
1.7.Triebtäter (speculator cupiditate motus), der nicht aus Gewinnsucht, sondern aus innerer Freude spickt- ein wahrer Lustmolch seiner Gattung.

Soviel zu den Charakteren der Gattung, nun zu den Methoden: Der speculator communis (cf.1.1) betätigt sich meist als
2.1 Augenroller. Weil er zur ungestörten Erweiterung seines Gesichtsfeldes die Augen mit der Hand abdecken muss, nennt man ihn "speculator oculis tectis". Diese Geste macht ihn für den Lehrer leicht erkennbar; sie kann jedoch bei geschickter Anwendung auch als Geste des Nachdenkens interpretiert werden. Einer ebenso schlichten Methode bedient sich der
2.2 Beatle (speculator intercappillaris), der naturgemäß bei den weiblichen Schülern sehr verbreitet ist: er läßt sein Haar seitlich neben den Augen herabhängen und holt sich durch diesen Vorhang hindurch Informationen. Gourmets und Ästheten (cf. 1.5) bevorzugen aufwendigere Methoden.
Der
2.3. Tele-Sünder (speculator technicus) arbeitet mit Sendern, Tischtelefon, Morsegeräten und Minicomputern. Er wird oft entdeckt, wenn der Aufsichtsführende über Telefondrähte oder Elektroleitungen stolpert. Aufgrund seiner überragenden Intelligenz wird der Tele‑Sünder die ihn nun ereilende Note 6 in Latein jedoch durch eine entsprechend gute Note in naturwissenschaftlichen Fächern ausgleichen können.
Last not least soll ein besonders gerissener Spicker erwähnt werden, der
2.4 Meister Fopper (speculator psychologicus), der zunächst nur so tut, als spicke er und  dadurch den Lehrer mehrmals dazu veranlasst, sich von seiner Unschuld zu überzeugen. Erst wenn der Lehrer eingelullt ist, schlägt er wirklich zu.

Ich gebe gerne zu, dass ich hiermit nur einen winzigen Teil der Spickmethoden beschrieben habe, die ich an der DSG (Deutsche Schule Genua) gelernt habe. Einige habe ich bis heute nicht begriffen. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass der Tugendbold (discipulus integer), der auf jegliche nachbarschaftlichen Erkenntnisse verzichtet, in Italien nicht anzutreffen sei. Er ist nur seltener als in Deutschland.

… in weiten Passagen zitiert nach: Hans Georg Schwarz, Erkenntnisse über die Spicker, in: "Das Gymnasium in Bayern". Monatszeitschrift des Bayerischen Philologenverbandes ", 10/93, S.33.

 
 

 

 

 
   
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