höllenreiner

Der Sinto Hugo Höllenreiner besuchte am Freitag den 19.10 das Paul-Klee-Gymnasium und berichtete über seine Leidenszeit im KZ-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Kleine Halle, 10.45-12.50, alle 10. Klassen)

 

Hugo Höllenreiner ist das Oberhaupt einer großen bayerischen Sintifamilie. 1943 wurde er als Neunjähriger nach Auschwitz deportiert, wo Dr. Mengele ihn und seinen Bruder mit brutalen medizinischen Experimenten quälte. Über Ravensbrück und Mauthausen kam Hugo nach Bergen-Belsen. Wie durch ein Wunder überlebte er mit seinen Eltern und Geschwistern, doch viele nahe Verwandte wurden ermordet. In langen Gesprächen mit der Autorin kamen Stück für Stück verdrängte Erinnerungen zurück, von denen erst der über Sechzigjährige zu sprechen vermag.

Anja Tuckermann hat über Hugo Höllenreiner ein Buch geschrieben mit dem Titel:
„Denk nicht, wir bleiben hier“. Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, München 2005

 

Rezensionsnotiz in : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2006

"Dramen und Abgründe, Schicksalsschläge, Liebe, Mut und Hoffnung" - in dieser Biografie ist alles enthalten, was Lebensgeschichten faszinierend macht, schreibt Rezensentin Elena Geuss über Anja Tuckermanns "anrührendes und ergreifendes" Buch über die Geschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, der als Kind vier Konzentrationslager überlebte. Doch vor allem fand sie das Buch voller - "wenn auch authentischer" - Grausamkeiten, die sie erschreckt und manchmal auch abgestoßen haben, weshalb die Rezensentin empfiehlt, junge Leser mit diesem "erzählenden Sachbuch" nicht alleine zu lassen.

 

Rezensionsnotiz in: Die Zeit, 16.03.2006

Reinhard Osteroth will dieses Buch nicht nur empfehlen, er muss es empfehlen. Der Sinto Hugo Höllenreiter legt darin Bericht ab über da, was ihm und seiner Familie im Nationalsozialismus angetan wurde. Schonungslos führt er dabei die Leser in die Hölle der Konzentrationslager, von Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen. Wie Osteroth berichtet, hat Höllenreiter bis zum Jahr 1993 überhaupt nicht über sein Schicksal sprechen können, und auch jetzt fällt es ihm schwer, wie die Gespräche mit der Journalisten Anja Tuckermann noch immer belegen. Unverzichtbar findet Osteroth solch schmerzhafte Bücher.

 

weiterführender Artikel:

NACHRICHTEN AUS AUSCHWITZ
Das Internationale Auschwitz Komitee veröffentlicht "Nachrichten aus Auschwitz." Was genau geschah vor sechzig Jahren in Auschwitz? Was geschah 1944, dem schlimmsten Jahr in der Geschichte des Konzentrationslagers, an einem bestimmten Tag?
16. Mai 1944:
Aufstand im Zigeunerlager
Am 16. Mai 1944 erblickt im sogenannten Zigeunerlager von Auschwitz Birkenau ein Kind das Licht der Welt: Edmund Weiss. Auch am Tag zuvor wird dort ein Junge geboren: Oskar Broschinski. Doch die beiden Jungen haben keine Überlebenschance. Mager, klein, untergewichtig - sie bräuchten besondere Fürsorge, aber im "Zigeunerlager" gibt es kaum Nahrung für sie: Ihre Mütter sind selbst halb verhungert und dem Tode nahe. Es ist, wie für alle Neugeborenen im Zigeunerlager, eine Frage von Stunden, Tagen, höchstens Wochen bis zu ihrem Tod.
An diesem Tag jedoch ist ihr Leben doppelt bedroht. Denn die Lagerführung hat am Vortag beschlossen, das Zigeunerlager zu liquidieren. Doch gelingen wird dies nicht: Die Häftlinge wehren sich – erfolgreich:
Etwa 20 000 Menschen sind insgesamt im "Zigeunerlager" untergebracht gewesen: Männer, Frauen und Kinder. Es sind "zigeunerische Personen" oder "Zigeunermischlinge", wie die SS sie nennt, die 1942 überall im damaligen Reichsgebiet verhaftet und nach Auschwitz gebracht worden sind. Dort wartet eine fürchterliche Existenz auf sie. In dreißig Pferdebaracken eingepfercht zwischen Männerlager und Häftlingskrankenbau vegetieren sie dahin. Ihre Verpflegung ist noch schlechter als die der übrigen Häftlinge, die hygienischen Verhältnisse noch katastrophaler als im Rest des Lagers. Die Sterblichkeitsrate ist ungeheuer hoch.
Am 15. Mai 1944 also beschließt die Lagerleitung, das "Zigeunerlager" mit etwa 6000 Menschen zu liquidieren. Sie sollen alle ins Gas gehen Am 16. Mai wird abends Blocksperre angeordnet: Niemand darf die Blocks verlassen. Aber die Insassen des "Zigeunerlagers" sind durch einen SS-Mann gewarnt und vorbereitet worden. Einer der Insassen ist Hugo Höllenreiner. Sein Vater hat in München ein Fuhrunternehmen betrieben und dann in der Wehrmacht gedient, bis 1941 alle "Zigeunermischlinge" aus dem Wehrdienst entlassen worden sind. Der kleine Hugo beobachtet von seiner Pritsche oben das Geschehen: "Papa stand unten, gerade, mit dem Pickel in der Hand und einer seiner Brüder mit einem Schaufelstiel, einer links, einer rechts. Draußen gingen sie auf das Tor zu, bestimmt sieben, acht Mann. Der Papa hat einen Schrei losgelassen. Die ganze Baracke hat gezittert, so hat er geschrieen: Wir kommen nicht raus. Kommt ihr rein. Wenn ihr was wollt, müsst ihr reinkommen. Wir warten hier. Die blieben stehen, es war still. Nach einer Weile kam ein Motorrad angefahren, die unterhielten sich draußen, dann sind sie weggefahren, der Lastwagen ist weitergefahren. Wir haben alle aufgeatmet."
Das gleiche geschieht in allen Baracken. Die Häftlinge, oft ehemalige Wehrmachtssoldaten haben sich bewaffnet, mit Stöcken, Schaufeln und Messern, die sie sich aus Blech geschliffen haben. Das Unglaubliche geschieht. Die SS rückt ab. Der Aufstand hat Erfolg.
Aber es ist ein Triumph von kurzer Dauer: einige Häftlinge wie Hugo Höllenreiner werden in andere Lager überstellt. Auf die meisten wie den kleinen Edmund Weiss und Oskar Broschinski wartet nur der Tod. (In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 1944 wird das "Zigeunerlager" endgültig liquidiert werden.)

 

 

 
   
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